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Der Innenraum der Sankt Gervasius und Protasius Kirche in Altenrüthen.


Luftaufnahme Altenrüthen aus 2013

Ein Darstellung zur Austattung und Geschichte der Pfarrkirche Altenrüthen von Werner Sulk.

Weihin sichtbarer Mittelpunkt unseres Dorfes Altenrüthen ist die Pfarrkirche. Dieses für eine Dorfkirche sehr große Gotteshaus erregt immer wieder zusammen mit seiner überaus kostbaren und kunsthistorisch wertvollen Innenausstattung das Erstaunen fremder Besucher. Die Kirche besitzt da in Deutschland selten vorkommende Patronat der Heiligen Gervasius und Protasius. Sie verkörpert heute noch die historische Bedeutung Altenrüthens für das umliegende Gebiet.

Ruothino, ein führes Siedlungszentrum, wurde in karolingischer Zeit eine von 14 Stammpfarreien, die unter Karl dem Großen zur systematischen Christianisierung des südwestfälsichen Gebietes gegründeten 12 Urpfarreien - für unseren Raum waren das Soest und Erwitte - zugeordnet wurden. Ruothino war Eigentum des Erzbischofs von Köln und pastorales sowie Verwaltungszentrum. U.a. deutet das Patrozinium der heiligen Gervasius und Protasius - römischer Soldaten, die in Mailand den Märtyrertod erlitten, - auf das hohe Alter der Pfarrei hin.

1072 übertug Erzbischof Anno von Köln die Kirche von Ruothino mit vielen anderen Kirchen und Gütern einem von ihm gestifteten Reformkloster, der Benediktienerabtei Grafschaft. Die Verbindung war bis zur Säkularisation von großer Bedeutung. Vom Mittelalter bis in die Kulturkampfzeit wurde das spätromanische Kruzifix der Kirche, der "Herrgott von Altenrüthen", von vielen Wallfahrern verehrt. Eine Kreuzbruderschaft, die die Wallfahrer unterstützte, erhielt 1474 die päpstliche Anerkennung. Heute gehört unsere Pfarrei zum Pastoralverbund Rüthen, der aus 9 stelbstständigen Pfarreien und 6 Kapellengemeinden besteht.

Der älteste Teil der heutigen Kirche ist der romansiche Turm, der an der Stelle der Westapsis eines älteren Steinbauwerks als Wehrturm errichtet und im 13. Jahrhundert erneuert wurde. Dazu könnte eine dreischiffige romansiche Basilika gehört haben.

Im dreißigjährigen Krieg wurde Altenrüthen und seine Kirche schwer heimgesucht. Ein Neubau des Kirchenschiffes war notwendig, mit dem der damals bekannte Architekt Tendel (ander: Dentel), der auch in Corvey tätig war, beauftragt wurde. Die Kirche wurde 1669 konsekriert. Etwas später besserte man die Westseite des Turmes aus. Kurz vor Mitte des 18. Jahrhunderts ist noch einmal von einem Kirchenbau unter dem damaligen Pfarrverweser Pater Kreilmann OSB, dem späteren Abt von Kloster Grafschaft, die Rede.

Welche Baumaßnahmen ca. ein Jahrhundert nach Tendels Bau getroffen worden sind, ist aus den literarischen Quellen nicht genau zu erschließen. Stilkritische Erwägungen helfen nicht weiter, da in Westfalen bereits im 17. Jahrhundert in barocker Weise gebaut wurde. So können nicht alle Teile der doch "wie aus einem Guss" wirkenden gotisierenden barocken Saalkirche, eines festlichen "Thronsaales Gottes", im Einzelnen genau datiert werden. 1779 entstand das Südportal mit einer kleinen Vorhalle, nachdem das Eingangsportal des Tendel'schen Bauwerks an die Westseite des Turms versetzt worden war.

Kirche und Orgel wurden unter Pfarrer und Dechant Heinrich Kühle, der von 1950 bis 1982 in Altenrüthen lebte, gründlich renoviert. Die Ausstattung - Altäre, Kanzel und Figurenschmuck - ist größenteils aus Holz; insbesondere der Paderborner Bildschnitzer Johann Theodor Axer, der 1750 von Pater Kreilmann nach Altenrüthen gerufen wurde, hat wohl Einfluss darauf ausgeübt. Teile der älteren Einrichtung sind mit verwertet worden. Mit der Fertigung des Hochaltars wurde Johann Wilhelm Sinn beauftragt. In pathetischem, manchmal rauschhaft - verzücktem, oft auch verspieltem Stil von Barock und Rokoko werden wichtige Glaubensinhalte und Heilige dargestellt.

Das Herzstück des mächtigen Hochaltars ist der Tabernakel mit dem Pelikan, einem Sinnbild für die Liebe Gottes zu den Menschen und für Christi Opfertod. Angeblich soll der Pelikan sich mit seinem Schnabel die Brust aufreißen und mit dem Blut die Jungen weiter beleben und ernähren. Die älteste Darstellung findet sich auf Öllämpchen aus Karthago, die aus dem 3. Jahrhundert stammen. An den beiden Seiten stehen die Pfarrpatrone.
Das Altarblatt, das Ölgemälde, stellt die Verehrung der heiligen Eucharestie dar. Im Altarauszug wird die Krönung Mariens in Mitten der heiligen Dreifaltigkeit gezeigt. Über dem Supraporten links und rechts sieht man Hubertus, den Schutzpatron der Jäger, und Erzbischof Anno von Köln. Die beiden Heiligenfiguren außen im Giebelbereich stellen Margaretha mit dem Drachen - vielleicht als Beschützerin der von Gefahren bedrohten Wanderer - und Maria Magdalena mit dem Totenkopf auf dem Buch dar.

Die Kommunionbank ist eine Nachbildung des Originals, das nach Dortmund gelangte. An den Kirchenwänden sind Figuren der Apostel Petrus, Andreas, Johannes und Paulus angebracht.

Der rechte Seitenaltar ist der Himmelskönigin geweiht, die hier ohne Kind gezeigt wird. Sie wird eingerahmt von St. Barbara mit dem Turm und St. Katharina von Alexandrien in Ägypten mit dem Rad. Beide tragen die Hoftracht der Zeit der Kaiserin Maria Theresia. Im Altargiebel sieht man Mutter Anna, Maria unterweisend.

Der linke Seitenaltar trägt wohl das eindrucksvollste Kunstwerk der Kirche, ein spätromanisches Vortragskreuz aus Holz, Silber und Messing mit einem Kreuzreliquiar. Christus erscheint als am Kreuz siegreicher und jenseits des Todes lebender Weltenherrscher, der "Herrgott von Altenrüthen". Tod, Auferstehung und Wiederkunft des Herrn werden verkündet. Spuren der Geschichte des Kunstwerkes sind deutlich zu sehen. Die einem hölzernen Kern ausgesetzte Gesichtsmaske, die Unterarme und Hände aus Silber sind Kunstschmiedearbeiten der Romanik. Die nicht so gut gefertigten Beine und Füße sind wohl anstelle der bei einem Raub abgetrennten Glieder in der Barockzeit wieder angesetzt worden.

Aus der gotischen Zeit stammen die Evangelistensymbole an den vier Ecken des Kreuzes. Die hölzerne Lockenperücke mit der Andeutung der Dornenkrone wurde in der Barockzeit dem Kopf aufgesetzt.

Das in die Brust eingesetzte Reliqiuiar erneuerte man mehrmals nach einem Raub. Gegen Anfang des 20. Jahrhunderts wurde das alte Holzkreuz durch ein neues ersetzt. Nach oben ist der Kreuzaltar durch eine Darstellung der Schmerzhaften Gottesmutter abgeschlossen.

Die Kanzel zeigt auf dem unteren Rand St. Paulus und die Evangelisten, darüber abendländische Kirchenväter. Auf der inneren Kanzelwand ist die Taufe Jesu zu sehen; auf dem Deckel steht der Engel des Gerichts.

Die Beichtstühle sind geschmückt mit dem reumütigen Petrus, der büßenden Magdalena und Johannes Nepomuk, dem Märtyrer des Beichtgeheimnisses.

Die Orgel ist das einzige erhaltene Werk des Hildesheimer Orgelbaumeisters Johannes Müller. Sie wurde 1784 fertig gestellt und später mehrmals erweitert. Nach stilvoller Renovierung umfasst sie heute mit 2 Manualen und dem Pedal fünfundzwanzig Register.

Der Turm ist als Werktagskirche mit der Athmosphäre einer zu Gebet und Meditation einladenen Krypta eingerichtet.

Die als Heilige dargestellten Menschen, die in unserer hellen, geräumigen, auch prächtigen, den Besucher beeindruckenden, aber nicht überwältigenden Kirche gezeigt werden, erscheinen in ihrer besonderen Berufung und Beziehung zu Gott. Sie ermuntern als Vorbilder in bestimmter Beziehung zur Nachfolge bis in die verheißene göttliche Herrlichkeit hinein. Dieser Impuls erreicht einen Höhepunkt in der Darstellung der Krönung Mariens, die im Auszug des Hochaltars gezeigt wird. Auf diesen Punkt wird das Auge des eintretenden Besuchers nach vorn/oben durch die Linienführung der Unterseite der Fenster und der Apostelfiguren an den Kirchenwänden sowie durch den Aufbau des Hochaltars gelenkt.

Die zahlreichen Darstellungen von Engeln können als Zeichen für die Sphäre Gottes gedeutet werden, den Himmel. Mühsal, Schmerz, Tod und Trauer, Böses und Schlimmes, die zur irdischen Welt notwendig dazugehören, haben darin keine Macht mehr. Sie sind überwunden und nur noch als weiter wirkende Erinnerung da. Als Beispiel dafür dient die Darstellung der Schmerzhaften Muttergottes. "Verklärt ist aller Leider der Welt, die Gräber sind vom Glanz erhellt. Der Tod hat keinen Stachel mehr." So will unsere helle Kirche mit ihrer barocken Ausstattung und dem eindrucksvollen romanischen Kruzifix in ihren eschatologischen Bezügen Mut, Trost und Hoffnung auf eine von Gott verbürgte glückliche Zukunft machen.

Zum Schluss möchte ich Sie noch auf die eindrucksvolle Umgebung der Kirche aufmerksam machen, insbesondere auf den Friedhof, das Pastorat mit der alten Remise und der Friedhofsmauer mit den "Fußfällen" (auf der Seite zur Kirche hin), einem Ensemble, das eine frühe Form des Kreuzwegs darstellt, sowie den Hof Schulte-Hötte.

Werner Sulk